28. Dezember 2020

Unsichtbare Einsamkeit

Es mag abgedroschen klingen, aber das schönste Geschenk, das wir uns gegenseitig machen können, ist manchmal eben doch einfach: Zeit. Vor Augen geführt hat uns das vor Kurzem sehr eindrücklich ein ergreifendes Erlebnis der Redakteurin Katrin Blum. In ihrem Beitrag „Ich dachte, ich kenne das Gefühl von Einsamkeit“ für das Magazin der Süddeutschen Zeitung beschreibt sie die Begegnung mit einer älteren Dame im Supermarkt. Aufgrund einer körperlichen Unpässlichkeit trägt sie ihr spontan die Einkäufe nach Hause. Letztlich sind es nur Minuten, die sie mit der Fremden verbringt – gleichwohl bescheren sie der Autorin einen tiefen Einblick in das Leben und vor allem die Einsamkeit der 92-Jährigen.

Das regt zum Nachdenken an. Die Hektik des Alltags lässt uns tatsächlich meist keinen Raum dafür, die Bedürfnisse unserer Mitmenschen wahrzunehmen. Oder man nimmt sie wahr, hat jedoch Skrupel, sich darauf einzulassen. Denn wer weiß schon, was sich daraus für einen selbst entwickelt.

SZ-Redakteurin Katrin Blum lässt sich darauf ein. Sie reicht der alten Dame einen Finger, um sie aus dem schwarzen Loch ihrer nach außen nicht sofort sichtbaren Einsamkeit zu holen. Ob die 92-Jährige ihn ergreift, bleibt offen. Aber man hofft mit auf ein kleines Happy End.