7. September 2026

Mehr als lesenswert: „Stille Scham“ von Regina Schlager

Hätte ich in der Auslage einer Buchhandlung nach diesem Titel gegriffen? Ich weiß es nicht, denn ich suche zur Zeit nicht aktiv nach KZ- oder Zeugnisliteratur. Aber als ich von einem Freund erfuhr, dass es sich bei „Stille Scham“ um einen Roman über Täter und Opfer von NS-Gräueln handelt, habe ich es mir sofort gekauft. Mein Resümee nach nur zwei Leseabenden: Einmal begonnen, kann man den Debütroman von Regina Schlager nur schwer aus der Hand legen.

Die Ich-Erzählerin Katrin, selbst gerade festgefahren im Job, ihrer Beziehung und beim Ausräumen ihres Elternhauses, setzt sich angeregt durch Gespräche mit ihrer Großmutter mit der Vergangenheit ihrer Familie und deren Verstrickung in die Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Schritt für Schritt wird sichtbar, was verschwiegen, verdrängt und dennoch von einer Generation an die nächste weitergegeben wurde — und so noch immer Katrins Leben bestimmt.

Die Verbindung von persönlicher Familiengeschichte und der Geschichte des Nationalsozialismus macht das Buch für mich aufgrund meiner Beschäftigung mit Holocaust-Literatur im Studium natürlich besonders interessant. Der Roman zeigt auf eindringliche Weise, wie Traumata der NS-Zeit nicht mit dem Ende des Krieges verschwunden sind, sondern in Familien von Opfern wie Tätern weiterwirken.

Regina Schlager gelingt es, davon zu erzählen, ohne daraus ein Lehrbuch zu machen. Forschungserkenntnisse über die Folgen von Trauma, Schuld, Verdrängung und Schweigen werden in eine fiktive Geschichte eingebettet und dadurch auch für Leserinnen und Leser greifbar, die sich bislang kaum mit diesen Fragen beschäftigt haben. Aber „Stille Scham“ braucht dieses Vorwissen nicht, um zu überzeugen. Es ist vor allem eine gut erzählte und berührende Geschichte über das, was Familien verschweigen — und darüber, welche Folgen dieses Schweigen haben kann.

Die Soziologin und Politikwissenschaftlerin Brigitte Halbmayr hat dem Roman ein sehr informatives Nachwort gewidmet, das sie mit einem Wunsch beendet, dem ich mich gerne anschließe: „Ich wünsche daher dem Buch, dass es zahlreiches interessiertes Publikum findet!“ „Stille Scham“ ist mehr als lesenswert!